Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Für bürgernahe Politik, Wahrhaftigkeit und Vertrauen

Im Bild

Hier meine Landtagsreden als Aufzeichnung des RBB

 

 

05. April 2017

Prof. Dr. Ulrike Liedtke, 500 Jahre Reformation - 500 Jahre Wort und Wirkung

Kategorie: ulrike-liedtke.de, Aus dem Landtag

Sehr verehrte Herr Vizepräsident!

Verehrte Abgeordnete, liebe Gäste!

 

Jüterbog, Wittenberg, Bad Liebenwerda, Torgau, Doberlug-Kirchhain, Herzberg (Elster), Mühlberg an der Elbe und Finsterwalde sind die Stätten der Reformation, die der Inhaber eines Lutherpasses besuchen muss. Kann er alle 8 Stempel im Pass nachweisen, so nimmt er an der Auslosung des Spurensucher-Bonus teil. Der Landkreis Elbe-Elster steckt mitten im Luther-Pass-Fieber.

 

Damit reiht er sich ein in über 300 Aktivitäten zum Lutherjahr 2017 in Brandenburg, überwiegend von Kulturland Brandenburg veranstaltet, im letzten Jahr einer Lutherdekade, die mit Investitionen in Steine, Bau und Erinnerung begann, tatsächlich über 10 Jahre spannend blieb und nun im HEUTE angekommen ist.

NACHHALTIG sollen die Vernetzungen bleiben. Lassen Sie uns NACHDENKEN, um zu nachhaltigen Lösungen zu finden.

Laut Überlieferung schlug der Mönch und Theologieprofessor Dr. Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Ob er es wirklich tat, ist umstritten, aber pinnwandmäßiges Festhalten wichtiger Inhalte war völlig normal. Es ist gut vorstellbar, dass er es tat, weil seine Beschwerdebriefe – Petitionen - mit beigelegten Thesen an kirchliche Vorgesetzte schlicht nicht beantwortet worden waren.

Für den Auslöser dieser Thesen sorgten maßgeblich die Ablasspredigten des eigentlich unbedeutenden Dominikaners Johann Tetzel in Jüterborg – immerhin Brandenburg! -, der die Erlösung von Sünden durch den Kauf von kirchlichen Ablassbriefen versprach … und ordentlich kassierte.

Luther wollte mit seinen 95 Sichtweisen gegen den Ablasshandel eigentlich nur einen akademischen Disput anregen, also NACHDENKEN. Stattdessen setzten seine Gedanken eine Volksbewegung in Gang, beendeten die Begleichung der Sünden durch Geld und die Sündenangst.  

 

Unter dem Thema „Reformation in Brandenburg – Luther und die Folgen“ stellt KULTURLAND BRANDENBURG Sinnfragen: Wer sind wir? Was macht uns aus? Worin wurzelt unsere Kultur? Was sind deren Werte?

Das Thema eint evangelische Pfarrhäuser ebenso wie Museen, Kulturgesellschaften und den Städteverbund „Prediger und Bürger - Reformation im städtischen Alltag.“

Lassen Sie uns NACHDENKEN, nicht 95 mal, nur 7 mal.

 

 

Luther 1.

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Der vermeintliche Widerspruch löst sich auf einerseits die Freiheit des Einzelnen im Glauben,

seine Selbstbehauptung, die Freiheit des Christen zwischen Widerstand und Gehorsam, auch Anpassungsbereitschaft - aus Ängstlichkeit vielleicht.

 

Andererseits die weltliche Freiheit mit Verantwortung, mit der Pflicht der Obrigkeit zur Nächstenliebe, eine Freiheit mit Gewissen.

Das war ein wegweisender Schritt zum modernen Freiheitsbegriff, zur Aufklärung.

Ein Aufruf zu konstruktiver Einmischung, die Weiterentwicklung heißt Bürgerbeteiligung, heißt Demokratie.

Und Luther handelt danach – als 1520 der Ketzerprozess gegen ihn aufgenommen wird und er per päpstlicher Bulle seine Schriften widerrufen soll, verbrennt er das behördliche Papier zusammen mit dem Kirchengesetzbuch und kirchlichen Schriften in Wittenberg, angeblich an der Stelle, wo heute eine Luthereiche steht. Das muss man sich mal vorstellen!
Jetzt ist der Papst am Zug und verhängt den Bannfluch über Luther, was heißt: er wird öffentlich zum Ketzer erklärt. Die Fürsten erkennen ihre Chance, die Macht der römischen Kirche zurück zu drängen und fordern vom Papst die Anhörung Luthers. Da steht er dann und kann nicht anders, nein, er widerruft seine Thesen vor Kaiser und Kirche auf dem Reichstag in Worms nicht.

Wir wissen wie es weiterging – Bibelübersetzung lateinisch-deutsch inkognito als Junker Jörg auf der Wartburg bei Eisenach, damit alle die Predigt verstehen können.

Das sind in der europäischen Kultur beständige Bilder, aus verschiedenen Zeiten heraus interpretiert: Zivilcourage, der Mut zur Ehrlichkeit, seine Überzeugung darzustellen.

Dazu gehört auch das Zögern, nicht weiter wissen, das Ringen um das Richtige.

 

Es ist und bleibt richtig, blinde Hörigkeit gegenüber populistischen Machthabern abzulehnen!

Abzulehnen ist ebenso die Hörigkeit gegenüber raffgierigen Besitzern von Geld und gegenüber

steuerbefreiten Großkonzernen der Wirtschaft!

Lassen Sie uns keine Konsumsklaven und Neoliberalisten werden, und nicht unbedingt die Socken kaufen mit der Aufschrift: hier stehe ich, ich kann nicht anders!

 

Der Aufruf heißt: Raus aus der Matrix!

 

 

Luther 2.

„Denen, die wirklich arm sind, muss man helfen.“

Dank Luther gab es Armenversorgungen, Einzahlungen in eine Art Sozialkasse, Empfehlungen für soziale Zuwendungen in der Leisniger Kastenordnung.

 

Wir leben in einem Sozialstaat mit Rechtssicherheit, Gefahrenabwehr, Gesundheitsvorsorge.

Wir müssen uns ehrlich fragen - wie stehen wir zu den Armen in unserem Land? Zu Alten, Kranken, nicht Leistungsfähigen, zu Obdachlosen und zu geflüchteten Menschen, die keine Bleibeperspektive haben, aber mit uns leben?

Wir brauchen Konzepte, mutige politische Lösungen. Wir brauchen soziale Gerechtigkeit.

 

„Das Prinzip Nachhaltigkeit bedeutet: von der Zukunft her denken; dem Primat der Kurzfristigkeit widerstehen und ebenso der Dominanz des Ökonomischen, der rein betriebswirtschaftlichen Logik; von der Idee der Gesellschaft her die Politik konzipieren, demokratische Vielfalt, ökologische Dauerhaftigkeit, soziale Integration und kulturelle Teilhabe.“

Alles richtig, alles wie bei Luther, nur sprachlich nicht so schön, zitiert aus dem Grundsatzprogramm der SPD, Hamburger Programm 2007.         
Deshalb verehre ich Luther, meist im Werk von Bach, und bin mit Leib und Seele Sozialdemokratin.

 

An dieser Stelle möchte ich im Lutherischen Sinne gern Dank sagen an alle Sozialarbeiter,

an christliche Hilfswerke, an Caritas und Diakonie.

Zu Nächstenliebe gehört Emphatie, Mitleid, Beileid – Und s e l b s t v e r s t ä n d l i c h muss das Brandenburger Tor nach einem Attentat in St. Petersburg solidarisch in den russsischen Fahnenfarben zu sehen sein! Der Dresdner Kulturpalast strahlt.

 

 

Luther 3.

Ich muss mogeln, denn das Wort Reformation kommt bei Luther natürlich nicht vor.

„Fange die Reformation in dir an, so geht es fort!“

Christoph Lehmann um1600 - Jurist, Schuldirektor, Stadtschreiber in Speyer,   
er verlor seinen sicheren Job beim Erzbischof von Trier, weil er Protestant blieb.

 

Reformieren, Verändern, was verändert werden muss.

Reformen werden von mutigen Menschen gemacht, auch mit dem Risiko, nicht immer verstanden zu werden oder gar zu spalten.  
Wer einen Standpunkt hat, kann Argumente austauschen.

Das heißt:

Die MATRIX ÜBERPRÜFEN;

Neue Wege wagen

-        die Digitalisierung nicht scheuen, die den bei Luther noch festgestellten Gegensatz von Stadt und Land überwindet

-        Europäisch groß denken und handeln, wie mit der Syrienstrategie zum Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes mit Unterstützung der EU

-        Humanistische Lösungen für die Flüchtlinge am Mittelmeer erarbeiten, nicht weggucken und Brandenburg guckt nicht weg

-        mutig erneuerbare Energie fördern

-        und - fernab jeglichen Kleingeistes – eine Verwaltungsstrukturreform unter Beachtung aller demokratisch vorgetragenen Hinweise mit bestmöglichem Wissen und Gewissen
u m s e t z e n .

 

 

Luther 4

„Wenn man Jahr für Jahr so viel aufwenden muss für Gewehre, Wege, Steige, Dämme und dergleichen unzählige Dinge mehr, damit eine Stadt Friede und Ruhe habe, warum sollte man nicht viel mehr noch oder doch genau so viel für die arme bedürftige Jugend aufwenden, indem man ein oder zwei geeignete Männer als Lehrer einstellt.“

Wir sind auf dem Weg. Ich denke, es können auch Lehrerinnen sein. Luther hatte bereits 1524 "an die Ratsherren aller Städte deutschen Landes" geschrieben, "dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen". Er forderte auch die Unterrichtung im Lesen und Schreiben für Frauen und Mädchen. Davon sind viele Länder in Asien und Afrika weit entfernt.

 

Luther fordert die Hälfte oder mehr Ausgaben des Haushaltes für Bildung!

Selbst wenn wir gutwillig die Ausgaben des Landes für Kita, Schule, Musikschule, Berufsbildung, Universitäten, Hochschulen, Wissenschaft, Forschung zusammenzählen kommt ein solches Verhältnis im Landeshaushalt Brandenburg nicht hin.

Aber: Der Schwerpunkt Bildung stimmt, das Kita Paket für den Bildungsort aller Kinder ist richtig, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern, unabhängig von der Herkunft der Kinder, unabhängig von individuellen Voraussetzungen. Und herzhaft sind die Lehrer für ihre Arbeit auszustatten – ohne Unterscheidung nach Grundschule oder Gymnasium, ohne Benachteiligung gegenüber den Kollegen in Nachbarbundesländern.

Luther sagt: „Einen fleißigen Schulmeister …. kann man nimmermehr genug lohnen und ihn mit keinem Gelde bezahlen.“   


Luther 5

„Die Sprachen sind die Scheiden,

darin das Messer des Geistes steckt“

Lesen Sie Luther, diese wunderbar einfache Sprache.

Bibelübersetzungen gab es genug, aber eben nicht eine in dieser Sprache.

 

Es geht um das Verstehen von Inhalten, um den aktiven Umgang mit diesen Inhalten. Es geht immer wieder um Übersetzung in die eigene Sprache, um Sprachunterricht als Grundlage der Verständigung.

 

In nur 10 Wochen übersetzte Luther die Bibel.. Die 1. Auflage erschien mit 3.000 Exemplaren und war während der Leipziger Messe in 3 Tagen ausverkauft. Bis zu seinem Tod erschienen
1 Mio Nachdrucke – Luther war selbst überrascht über diese durch den Buchdruck möglich gewordene Verbreitung seiner Lehre und seiner Rechtschreibung.
Wir schreiben vieles immer noch so wie Luther es aussprach.

Superstar Luther, Kultfigur, Protestantischer Heiliger – alles das wollte er nicht sein, nicht einmal seine Lehre wollte er mit seinem Namen verbunden wissen. Auch in dieser Bescheidenheit ist er uns Vorbild.

Heute sind weltweit 24 Mrd. Menschen getauft, fast 1/3 der Menschheit. In Deutschland sind 24 Mio Lutheraner. Die Zukunft liegt im Miteinander, in der Ökumene -

für die politische Botschaft des Evangeliums,

für ein sozial geprägtes Zusammenleben,

für eine humane Weltwirtschaftsordnung



Luther 6        
„Die Musik ist in aller Bewegung des Herzens eine Regiererin. Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen traurig, die Verzagten herzhaft zu machen denn die Musik.“

Luther sang Tenor, spielte Laute. 36 Kirchenlieder von ihm sind überliefert, zu 20 Liedern verfasste er vermutlich Text und Musik, u.a. „Vom Himmel hoch da komm ich her“, „Verleih uns Frieden gnädiglich“, „Ein feste Burg ist unser Gott“, „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“.

Ohne die Musik des Protestantismus, ohne Johann Sebastian Bach, gäbe es ihn heute vermutlich nicht mehr. Er sorgte für die Verbreitung des Evangelium in Vollendung.   
Musik, Kultur und Bildung sind per se n a c h h a l t i g.

Deshalb brauchen wir mehr Wissen über Musik und ihre Ausführung, wir brauchen ein klares Bekenntnis zur Kultur, z.B. zu einem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt (Oder) in großer sinfonischer Besetzung.   


Luther 7        
„Narren soll man nicht über Eier setzen, sie zerbrechen dieselben.“    
Das geht an uns, an Politiker, an Amtsinhaber. Es gehöre zu einem Amtsmann, dass er auch wisse, was sein Amt betreffe!          

Vieles blende ich aus, ich werde Luther nicht gerecht.

Luther muss man auch aus seinen Widersprüchen heraus verstehen.

Chaos und Anarchie machten ihm Angst – nur so ist „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ zu verstehen.

 

Der junge Luther ist nicht vergleichbar mit dem alten, kranken und verbitterten Luther, mit seiner unsäglichen Schrift 1543 gegen die Juden - er predigte die Freiheit des Geistes in Glaubens- und Gewissensdingen und widersprach ihr selbst, dem Geist seiner eignen Zeit vollkommen verhaftet.

Vielleicht aus dem Übermut heraus, auch die Juden zum Protestantismus bekehren zu wollen, eine Schuldgeschichte der evangelischen Kirche, die gerade engagiert aufgearbeitet wird und werden muss,

wie übrigens auch der päpstliche Bann gegen Luther bis heute nicht aufgehoben wurde

und das bei einem so herrlich protestantischen Papst.

 

Verständlich rüberkommen, Farbe bekennen, klare Kante zeigen, die Wahrheit finden, das Richtige tun, Althergebrachtes kritisch beäugen, die Auseinandersetzung nicht scheuen, Hierarchien erschüttern, Gedankenfreiheit, Mut, Geradlinigkeit, raus aus der Matrix – alles das verbindet sich mit dem Mönch, der die Nonne Katharina heiratete und mit ihr 6 Kinder hatte. Wahrhaftig – spannender Stoff für gut 300 heutige Veranstaltungen als Ausstellungen, Theater, Lesungen, Konzerte, Puppentheater und Film, mit Workshops, Diskussionen und Publikationen.

„KULTURLAND BRANDENBURG 2017 lädt ein, Orte, Persönlichkeiten und Zeitzeugnisse zu entdecken, die Spuren und Folgen der Reformation in Brandenburg nachvollziehen lassen, – entdecken Sie die vielfältigen kulturhistorischen Schätze und Zusammenhänge. Gleichzeitig bietet das Themenjahr eine besondere Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit den Wurzeln unserer Gesellschaft, unserer Werte und unserer Überzeugungen, unabhängig davon, ob wir konfessionell gebunden sind oder nicht. Zudem bietet das Jahr eine Gelegenheit, sich selbst zu befragen, angesichts einer Welt, die sich im Umbruch befindet, und in der Reflexion einer vergangenen Zeit, die erhebliche Umbrüche in Gang gesetzt hat,“ sagt Brigitta Faber-Schmidt, Geschäftsführerin von KULTURLAND BRANDENBURG.

 

Mein Luther-Pass füllt sich Stempel um Stempel, nachhaltig.

Von Journalisten nach einem Vorbild befragt, nenne ich gern den Namen Martin Luther

mein Sohn, der ehemalige Thomaner,  

heisst

MARTIN.

Das   ist   ein    guter    Name.

12. Juni 2015

Dr. Ulrike Liedtke zur Großen Anfrage 2 der Fraktion BÜNDNIS 90 /DIE GRÜNEN „Kulturelle Bildung, Teilhabe und Partizipation“, DS 6/1148

Kategorie: ulrike-liedtke.de, Aus dem Landtag

13. Plenarsitzung, 12.6.2015

Sehr verehrte Frau Präsidentin, verehrte Kollegen und Kolleginnen, liebe Gäste!

Wenn eine Fraktion eine Große Anfrage stellt, will sie einem Thema besondere Aufmerksamkeit geben. Ich danke der Fraktion BÜNDNIS 90 /DIE GRÜNEN für die Einbringung der Thematik Kulturelle Bildung auch deshalb, weil sie zeitnah zur Großen Anfrage Musikalische Bildung der Fraktionen SPD/DIE LINKE im Landtag behandelt wird.

Kulturelle Bildung ist ein Prozess, im schulischen und außerschulischen Bereich,
ein v i e l e Politik- und Handlungsfelder übergreifender Prozess. Dieser Prozess beginnt in der KITA, geht weiter bei den Eltern, der Schule, bei Künstlern, Kulturvermittlern, Verbänden bis hin zu den Wissenschaftlern.

Im März 2006 verabschiedete die UNESCO in Lissabon den Leitfaden für kulturelle Bildung. eine neue Aufgabe - weil bisherige Förderungen eben nicht zur  Kulturellen Vielfalt aus Erbe, zeitgenössischen Ausdrucksformen und fremden Kulturen im eigenen Land geführt haben, weil das Wissen um Kultur schwindet, weil Publikum mediengeprägt zunehmend      einseitiger reagiert und in einzelnen Sparten weniger wird.

Der UNESCO geht es um „die Entwicklung von Kreativität und Kulturellem Bewusstsein im 21. Jahrhundert und um Strategien, die nötig sind, kulturelle Bildung in das Bildungswesen einzuführen oder sie zu fördern.“ Damit reagierte die UNESCO auch auf die PISA-Studie, die ausschließlich Ergebnisse in naturwissenschaftlichen Fächern abfragte.

Nun liegt uns eine Materialsammlung für Brandenburg vor, eine Situationsbeschreibung, 64 Antworten, stark bildungspolitisch geprägt, weniger kulturpolitisch. Ein aussagefähiges Arbeitsmaterial.

Mit den Antworten zu einzelnen Fragen können Kultur- und Bildungsarbeiter nicht immer glücklich sein, etwa zu Frage 3, denn in Brandenburg gibt es k e i n e n Fonds für Kulturelle Bildung. Insofern ist der Landtagsbeschluss vom 28.9.2011 nicht erfüllt, der sich den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung von 2008 zum Vorbild nahm.
Wir haben seit 2012 eine „Plattform Kulturelle Bildung“, die Kompetenzen bündelt, Kooperationsprojekte initiiert und koordiniert, Netzwerke aufbaut – alles sehr engagiert, aber etwas anderes als ein Fonds.

Unter 4. wird erfragt, wie sich die Referate in den verschiedenen Ministerien koordinieren und die Antwort lautet: anlassbezogen. Das reicht nicht aus.

Zu Frage 8 wird ausgeführt, welches Geld für Kulturelle Bildung verwendet wird:
1.    Mittel aus dem Landeshaushalt, ja, aber Kulturelle Bildung ist ja eine neue Aufgabe ohne neues Geld,
2.    Mittel aus dem Programm „Musische Bildung für alle“ mit der Fördersäule „spartenübergreifend für Dritte“ – und wir kennen die Zahlen und die hier beschlossene Steigerung. Die Säule für Dritte Antragsteller umfasste 2014 nicht mehr als 111.659 Tausend €.
Natürlich ist Musik- und Kunstschularbeit per se Kulturelle Bildung (Frage 34).
Aber es geht ja um eine neue Qualität - umgesetzt in Klasse Musik etwa und bald hoffentlich auch in Klasse Kunst.
3.    Mittel aus Europäischen Fonds, Stiftung Mercator und Lottomitteln, alles projektgebunden, nicht kontinuierlich.


Frage 17, Begabungsförderung, wird in 3 Zeilen erledigt, der Bildungsausschuss nimmt sich dankenswerterweise dieser Thematik gerade an.

Zu Frage 18 - Studienvorbereitende Maßnahmen – gibt es lt. Antwort keinen Handlungsbedarf. Das kann man anders sehen.

Die Materialsammlung Kulturelle Bildung ist zu ergänzen, es fehlen u.a.
-    die Aktivitäten der freien Kunst- und Musiklehrer,
-    die phantasievollen Projekte Neuer Musik mit Schwerpunkt Kulturelle Bildung in den Randspielen Zepernick, den Intersonanzen Potsdam und der Rheinsberger Pfingstwerkstatt Neue Musik,  
-    die Forschungsprojekte des Musikkompetenzzentrums der Universität Potsdam,
-    die Musikakademie Rheinsberg mit breitem Spektrum, 2014 mit 242 Kursen zur Kulturellen Bildung quer durch alle Altersgruppen, die Tagungen und musikalischen Veranstaltungen noch gar nicht mitgezählt.

Nachzufragen ist das Angebot an Kultureller Bildung in ländlicher Gegend – Quantität, Qualität und Kontinuität. Die vor zwei Tagen gegründete Enquetekommission hat auch hierin eine wichtige Aufgabe.

Nehmen wir diese Materialsammlungen mit Dank entgegen und arbeiten damit weiter.

Das Großartige am Thema Kulturelle Bildung sind doch die vielen Aktivitäten von Kultur- und Bildungsarbeitern in Brandenburg, deren gesamtes Berufsbild sich geändert hat in den letzten 5-10 Jahren, weil Kulturelle Bildung d a z u gekommen ist. Und wir werden uns noch intensiver mit Kultureller Bildung beschäftigen müssen vor dem Hintergrund des notwendigen Dialogs der Kulturen, der kulturelle Bildung auf beiden Seiten der Dialogpartner voraussetzt.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, Kulturelle Bildung ist B i l d u n g   z u r   T e i l h a b e  an Kultur. Die Teilhabe an Kultur ist noch immer abhängig von persönlichen Bedingungen wie Bildung, Einkommen und Erwerbsstatus, aber auch abhängig von der Situation vor Ort – Steuereinnahmen und Kulturausgaben. Daran sieht man, wie komplex das Thema ist. Mit dem vorliegenden Papier zur Kulturellen Bildung ist die Diskussion dieses Themas auf einer neuen Stufe in Brandenburg eröffnet.

10. Juni 2015

Dr. Ulrike Liedtke zur Haushaltsdebatte, Doppelhaushalt 2015 / 2016, Einzelplan 06 Kultur, Beschluss am 10.6.2015

Kategorie: ulrike-liedtke.de, Aus dem Landtag

Sehr verehrter Herr Präsident, verehrte Abgeordnete, liebe Gäste!

In einem Kirchenlied von Georg Neumark (1621-1681) unter dem wenig spektakulären Titel Wer nur den lieben Gott lässt walten  finden sich folgende Zeilen:


Kompt Kunst gegangen vor ein Haus
Man sagt der Wirth sey gangen aus;
Kompt Weisheit auch gegangen für,
So ist verschlossen ihr die Thür…
Kommt aber Pfennig geloffen
Sind Thür und Tor ihm allzeit offen.

Knapp 400 Jahre nach diesen Zeilen ist Kultur noch immer kein Staatsziel – und wir müssen es immer wieder versuchen, Kultur als Ziel und nicht nur als freiwillige Aufgabe zu verankern. Sonst kann es in der Tat passieren, dass der Wirt gegangen ist.

DENNOCH:
Der gesamte Haushalt des Landes Brandenburg umfasst
     2015    10.743 Millionen 200.000 €
     2016    10.594 Millionen €.

Das ist eine Absenkung von 149 Millionen und 200.000 €.

Der Gesamthaushalt des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur umfasst
    2015          789 Millionen 548.700 €, Anteil am Landes-Gesamthaushalt 7,35 %
    2016          805 Millionen 758.800 €, Anteil am Landes-Gesamthaushalt 7,61 %

Das heißt: Der Landes-Gesamthaushalt schrumpft, aber der Haushalt Wissenschaft, Forschung und Kultur nimmt dennoch zu.
Seit 2010, seitdem Rot-Rot regiert, gibt es Aufwüchse in der Kultur.
Das ist grundsätzlich der richtige Weg.
Das ist eine Großtat der Haushälter und ein klares Bekenntnis zu Wissenschaft und Forschung, ganz besonders aber zur Kultur.

Und es ist richtig, dass Brandenburg ein Wissenschafts- und Forschungsstandort ist.
Für jeden Kulturarbeiter und sein Publikum und ganz besonders für die Touristen ist Brandenburg primär ein Kulturland – mit phantastischer bauhistorischer Substanz, seit 25 Jahren kontinuierlich gehegt und gepflegt.   

Der Kultur-Anteil am Haushalt des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur umfasst 10,5 % ohne Kirchenförderung, mit Kirchenförderung sind es 12,5,%.

Innerhalb der Kulturförderung nimmt die institutionelle Förderung der 8 Kultureinrichtungen im Jahr 2015  3,61 %  vom MWFK-Haushalt ein, das ist nicht viel für die Kulturträger
- Kleist-Museum,
- Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten,
- Stiftung Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstrasse Potsdam,
- Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg,
- Brandenburgische Kulturstiftung Cottbus,
- Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte,
- Musikkultur Rheinsberg und
- Menschenrechtszentrum Cottbus.

Und bitte bedenken Sie das enorm breite Angebot allein dieser Kulturträger, und es sind noch nicht die Zuwendungen berücksichtigt an das Brandenburgische Staatsorchester oder das Babelsberger Filmorchester, an Bibliotheken, Archive, Verbände, Theater, Kulturfeste usw.

Eigentlich müsste Kulturgeld immer mehr werden – alte Gemäuer werden mit den Jahren immer wertvoller und zugleich anfälliger, immer mehr wird ausgegraben, entdeckt oder rutscht altersbedingt in den Status des Denkmals.

Ich gebe gern zu: Wir haben ein Hardware-Software-Problem: Hardware ist da und bedarf der Pflege, für die Software, für die lebendige Arbeit an Kunst und Kultur, ist das Geld sehr knapp.
Wir fördern das Feuerwehrtürmchen und keiner schließt es für die Besichtigung auf.

Und dann noch Geld für Denkmalhilfe, den einzigen Antrag in der Kultur, der eine Mehrheit in der Ausschussabstimmung auf sich vereinen konnte?

Ja und nochmals ja.
Wegen der Erbepflege und weil jede später angefangene Baumaßnahme am Denkmal teurer wird. Wegen des Wohlfühlfaktors im sanierten Haus und wegen des Kulturtourismus. Und – weil es unsere Pflicht ist, dieses ganz besondere Erbe in Brandenburg anzunehmen und zu schützen.

Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und das Archäologische Museum nehmen in Kapitel 06 730 eine Einzelposition ein.
Die im Einzelplan bei 893 10 veranschlagten Baumittel dienen insbesondere der Kofinanzierung des Bundesprogramms „National wertvolle Kulturdenkmäler“.
Aus EP 6 sind Baumittel nur für Gebäude und Liegenschaften
- der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten,
- der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
- und der Stiftung Neuzelle veranschlagt.  
Und bitte zählen Sie kurz allein die SPSG-Gebäude in Potsdam zusammen…
 
Glücklicherweise gibt es weit mehr baukulturelles Erbe in den Brandenburger Landkreisen. Für die akut gefährdeten Denkmale sowie als Ausgleichs- und Entschädigungsleistungen sieht der Antrag SPD/LINKE 250.000 € für 2015 und 250.000 € für 2016 im Titel
893 13 Kapitel 06 810 vor.  

Die Denkmalhilfe soll Verwendung finden für
- Notsicherungsmaßnahmen,
- Denkmale außerhalb des Programms „National wertvolle Kulturdenkmäler“,
- für bewegliches Kulturgut und Innenraumausstattungen
- und für Kofinanzierungen im neuen Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes, das wir
  sonst gar nicht nutzen könnten.



Warum ist Kulturförderung gerade heute so wichtig, wichtiger als vor 5 oder 10 Jahren?
Deutschland verfügt noch immer über mehr Spitzenorchester als jedes andere Land, 30 % aller weltweiten Opernaufführungen finden in Deutschland statt.
Brandenburg liegt keineswegs vorn bei seinen Kulturausgaben – ich möchte die alten Zahlen nicht bemühen, weil der neue Kulturfinanzbericht in den nächsten Wochen zu erwarten ist. Brandenburg wird - gemessen an den anderen Bundesländern - nicht allzu gut dastehen. Hinzu kommt, dass die Gefahren für Kultur größer geworden sind - Kulturelle Vielfalt wird bedroht von Nivellierung, von Mainstream, die Kurzfristigkeit des Erfolgs verdrängt kontinuierliche kulturelle Bildung, das ökonomische Zwecknützlichkeitsdenken steht Kreativität entgegen.  
 
KULTUR HEISST QUERDENKEN,
also sei gestattet zu sagen, was auch noch fehlt und in 2 Jahren zu verhandeln ist:
- wir brauchen Geld für Kulturelle Bildung,
- mehr freie Kulturmittel für aktuelle Ideen, die nicht langfristig planbar sind,
- die 100%ige Tarifangleichung bei Kulturarbeitern, so wie sie alle Angestellten in den
  Behörden haben, keine Haustarife,
- die Ehrenamtsförderung – Bayern hat ein gutes Ehrenamtsgesetz, das die Förderung einer  
  Übungsleiterpauschale beim Malzirkel oder für den Chorleiter analog dem Sport ermöglicht,
- Mittel für den Dialog der Kulturen – Heimatlieder a u s Deutschland heißt ein sehr schönes
  Projekt des Deutschen Chorverbandes,
- wir brauchen Geld für die Entwicklung von Medienkompetenz – die Zukunft der Kultur
  wird sich zu einem großen Teil auf Plattformen abspielen, der freie digitale Markt mit seinen
  Kulturangeboten hat das Rezeptionsverhalten verändert, Datenautobahnen brauchen Pflege
  nd Verkehrsregeln.

Das heißt auch:
Kultur wird mehr denn je zur Querschnittsaufgabe. Den Kulturtopf muss es auch im Bereich Bildung, im Bereich Wirtschaft, im Bereich Infrastruktur geben. Mindestens dort. Wir sind weit davon entfernt und denken 2015 noch in alten Mustern.

Der PFENNIG im Kirchenlied kommt mit einem ganzen Rucksack voll Kultur durch Tür und Tor nach Brandenburg. Aber es passt noch sehr viel mehr hinein in diesen Rucksack. Wir haben nur noch nicht das Geld dafür. Die Denkmalhilfe ist ein guter Anfang.

29. April 2015

Landtag Brandenburg, 29.04.2015, Aktuelle Stunde „Kulturelle Identität im Land Brandenburg stärken“

Kategorie: ulrike-liedtke.de

Auf Antrag der AfD behandelte die Aktuelle Stunde am Beginn der 10. Plenartagung am 29.4.2015 das Thema „Kulturelle Identität im Land Brandenburg stärken“. Dazu sprach für die SPD die Kulturpolitische Sprecherin Dr. Ulrike Liedtke:

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Abgeordnete,
liebe Gäste!

Wem gehört Beethoven?    
Den Bonnern, weil er dort geboren worden ist? Den Wienern, weil er dort seine größten Werke schrieb? Den Leipzigern, weil sie schon 70 mal zu Silvester Beethovens IX. Sinfonie aufführten und in einem flash mop auf dem Leipziger Hauptbahnhof alle „Freude schöner Götterfunken“ summen konnten? Oder den Japanern, die mit 45.000 Mann im Stadion die „Ode an die Freude“ musizierten und sangen? Oder den Brandenburgern, die sich ihm nicht weniger verbunden fühlen, auch ohne große öffentliche Aktion?
Weltkulturerbe ist nicht fremd, quer über den Erdball nicht.

Kennen Sie „Grünes Gelb“ von Frank Michael Zeidler, Begründer vom Kunsthaus Potsdam? Haben Sie das Märchen „Der König und die Gärtnerin“ von Carmen Winter aus Frankfurt (Oder) gelesen? Oder „Russendisco“ des Vielitzers Wladimir Kaminer? Kennen Sie Kompositionen von Georg Katzer aus  Zeuthen, Helmut Zapf aus Zepernick? Waren Sie im Theater bei Martin Schüler in Cottbus oder im Konzert des Dirigenten Takao Okigaya in Neuruppin oder in der Giovanni-Aufführung der Warschauer Musikakademie in Rheinsberg? Oder besuchen Sie ab morgen das 1. Internationale Tangofestival Arrabal, benannt nach einem argentinischen Vorort von Buenos Aires in der „fabrik“ Potsdam?  Alles das ist Kultur aus Brandenburg. Es ist ein Irrtum, dass wir unsere Identität ganz genau kennen, heute, zeitnah.

Deutschland hat die UNESCO-Konvention von 2005 über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen am 12. März 2007 ratifiziert, es war nicht unter den ersten 30 Ländern. Inzwischen haben mehr als 133 Staaten und die EU-Länder die UNESCO-Konvention unterschrieben. Es i s t unsere politische Aufgabe, das Erbe, zeitgenössische Ausdrucksformen und fremde Kulturen im eigenen Land zu fördern und zu schützen.
Dazu gehört das Erbe von Schinkel und Fontane, Praetorius und die Kunst bei Friedrich II., aber auch die böhmische Geigerfamilie der Bendas, die italienischen Primadonnen und Kastraten, der  Maler Antoine Pesne – überhaupt: was wäre Sanssouci ohne französisches Vorbild, ohne Versaille? Brandenburg war und ist ein Einwanderungsland.

Wir können einen Kanon der Literatur oder Musik des 18., 19. oder 20. Jahrhunderts zusammenstellen, um Werte zu vermitteln. Und wir werden diesen Kanon aller 10 Jahre verändern, weil sich unsere Sichtweisen auf die Dinge ändern. Weil Kultur ein Prozess ist und weil wir auch Literatur aus Brandenburg wie Kleist oder Peter Huchel vor 20 Jahren anders gelesen haben als heute. Das macht ja Theaterinszenierungen so spannend. Das Werk in der Kultur ist nicht gesetzt für die Ewigkeit.

Die Brandenburger kulturpolitische Strategie von 2012 nennt regionale Identität als Kriterium ihrer Förderung. “Wer das andere nicht kennt, weiß nicht, was sein Eigenes ist“, überschrieb der ehemalige Präsident des Deutschen Kulturrates Max Fuchs einen Leitartikel. Und weiter: „Das Eigene ist ein dynamisches Konzept, geprägt vom ständigen Prozess der Ausdehnung und Überwindung.“ (Musikforum 2/2011) Und ich füge hinzu: Das Eigene genügt schlicht nicht, Anderes kommt täglich hinzu, Eigenes und Anderes werden austauschbar, der Austausch findet ständig statt. Es ist ein Irrtum, dass wir ganz genau wissen, was Eigenes und was Anderes ist.

Kultur ist kein Synonym für Bildung. Kultur ist die Art und Weise, wie ein Mensch lebt und arbeitet, eine soziale Dimension. Kultur ist multi, viel, eine Zusammensetzung.
Regionale Identität kann ein bestimmtes kulturelles Milieu ausmachen, eine Prägung durch Muttersprache, zu Hause sein, menschliche Bindungen, gemeinsame Wurzeln und gemeinsames Entdecken von Neuem - unabhängig von n a t i o n a l e r Identität.
 
Das Gemeinsame der regionalen Identität fördern wir – Schlösser und Gärten, im Denkmalschutz, in der Erinnerungskultur, in Kunst- und Kulturprojekten.
Und es gibt Lücken – die Künstlernachlässe der letzten 60 Jahre, Erinnerungs- und Lernkultur zum Militärgefängnis Schwedt oder ausgewählte  Kunst- und Kultur-Projekte von Vereinen und Verbänden, die direkt vor Ort regionale Identität schaffen. Und bei den Künstlernachlässen gibt es Bilder nichtdeutscher Künstler, bei den Kunst- und Kulturprojekten wünsche ich mir die Heimatlieder A U S Brandenburg, die eriträischen, die syrischen und die deutschen.

Und noch ein Irrtum, der weh tut: Die Beschäftigung mit Kunst und Kultur führt nicht automatisch zu einem besseren Dialog der Kulturen in einer demokratisch geordneten Welt. Diese Illusion der 70er Jahre müssen wir aufgeben angesichts neuer Netzkulturen und virtueller Kulturräume, die nicht abgrenzbar sind, warum auch. Millionen können einem Klick folgen, in kürzester Zeit, wenig oder gar nicht reflektiert. Eine Form von autoritärer Struktur. Diese neue Situation ist die Herausforderung für vielfältige Kunst und Kultur heute.  Und wir gehen noch zu wenig damit um. Und ich gebe Ihnen Recht – wer in einem sozialen Raum Geborgenheit gefunden hat, ist weniger anfällig für autoritäre Strukturen. Auch im Netz gilt:  Vielfalt ist Reichtum! Nicht nur eine soziale Netzkultur, sondern verschiedene bereichern den Austausch. Spätestens an diesem Beispiel dürfte deutlich werden, dass die Nationalität des Users unwichtig ist.

Lassen Sie uns kulturelle Vielfalt in Brandenburg stärken. Dazu gehört kulturelle Bildung ab dem Kita-Alter. Dazu gehören kontinuierliche und qualitativ hochwertige künstlerische Angebote zum Erbe, zu aktuellen Ausdrucksformen und zu fremden Kulturen im eigenen Land.
Lassen Sie uns bürgerschaftliches Engagement stärken und angesichts Ihres Antrags mit besonderem Augenmerk auf kulturelle Projekte.
Und lassen Sie uns die große Freude und emotionale Kraft spüren, wenn Menschen über sämtliche Ländergrenzen hinweg gemeinsam eine Melodie wie die von Beethoven summen können.     

18. März 2015

Landtag Brandenburg, 18.3.2015, DS 6/852 Beschlussempfehlung und Bericht des Hauptausschusses zu der Volksinitiative „Musische Bildung Jetzt!“

Kategorie: ulrike-liedtke.de

Dr. Ulrike Liedtke für die SPD-Fraktion:

Verehrte Frau Präsidentin, verehrte Abgeordnete, liebe Gäste!

Gegen eine Volksinitiative für Musische Bildung kann man gar nichts haben. In schöner Regelmäßigkeit - zuletzt 2009 –kehren die Initiativen des Musikschulverbandes, jetzt Musik- und Kunstschulverbandes, wieder. Eltern und zahlreiche Unterstützer musik- und kunstausübender Kinder und Jugendlicher engagieren sich für „Musische Bildung jetzt.“

Es geht um mehrjährige kontinuierliche und qualitativ hochwertige musikalische und künstlerische Arbeit, es geht nicht um kurze, werbewirksame Projekte mit Showeffekt.

Es geht um Persönlichkeitsentwicklung durch die Beschäftigung mit Musik und Kunst, um Förderung der Musik- und Kunstschulen, mit Erhöhung der Förderung auf 400.000 € für Kunstschulen, ab 2015 liegt die Zuwendung an die Musik- und Kunstschulen lt. Haushaltsplanentwurf bei 3.027.000 €, ab 2017 sollen 2,1 Mio € dazu kommen.

Es geht um Kita- und Schulkinder, für die das Singen und das eigene Musizieren nicht mehr alltäglich ist, um Musische Bildung für alle, seit 2010 mit 1,3 Mio jährlich fortgeschrieben.
 
Genau deshalb, weil vorrangig junge Menschen von der Kita bis zur Berufsausbildung, weil auch musizierende Erwachsene und Senioren, weil j e d e r Veranstaltungsbesucher in Musik- und Kunstschulen willkommen ist, gehört Musische Bildung, besser Kulturelle Bildung, in unser Musik- und Kunstschulgesetz.

Musische Bildung jetzt heißt, keine Zeit versäumen und mit allen Partnern in der Kommune zusammen arbeiten,
Musische Bildung für alle heißt, niemanden ausgrenzen und gemeinsam neue Ideen entwickeln: Klasse Kunst, Klasse Multimedia, Klasse Theater, Klasse Tanz - um nur einige Beispiele zu nennen.

Aber bleiben wir bei einem erfolgreichen Tandem-Beispiel zwischen Schule und Musikschule: Klasse Musik.
165 Klassen sind gegenwärtig an dem Projekt beteiligt, das sind 66 Schulen.
350 Klassen wollen es 2017 sein. KLASSEN, wir haben 403 Grundschulen in Brandenburg.
Vor diesem Hintergrund sind 2,1 Mio nicht viel.
Andererseits sind sie sehr viel Geld für Kultur und eine Verpflichtung zu besonderer Arbeit des Musik- und Kunstschulverbandes.

E i n  Verband von gut 50 Mitgliedern des Landesmusikrates Brandenburg bekommt 2,1 Mio. mehr, die vielfältigen Kunstverbände noch gar nicht mitgerechnet.

Mit dieser Förderung möchte ich Wünsche verbinden:

  • dass die Kommunen dem Beispiel des Landes folgen und ihre Musik- und Kunstschulen als Zentren kultureller Bildung fördern und stärken,
  • dass sich mehr große Wirtschaftsbetriebe finden, die kontinuierlich einzelne Vorhaben der kulturellen Bildung fördern – Multimedia etwa, Ausstellungen bildender Kunst und – ganz wichtig – aktuelle, neue Musik und Kunst, das, was künstlerisch in die Zukunft weist
  • und ich wünsche den Musik- und Kunstschulen ganz viel Kraft und ganz viele Kooperationen, damit sie ihr großes Programm umsetzen und zugleich ihrer Kernaufgabe gerecht werden können, und hier denke ich vorrangig an den Unterricht des einzelnen Kindes, an die Entwicklung seiner Phantasie und an sein künstlerisches Können.


Wettbewerbe darf man nicht überbewerten, dennoch wünsche ich mir und uns allen kurz vor dem Landeswettbewerb Jugend musiziert mehr erste brandenburger Preise im Bundeswettbewerb, mehr Kulturbotschafter aus Brandenburg.
Ich weiß, dass hervorragende Lehrer an den Musik- und Kunstschulen unterrichten.
Und es gibt die besonderen Begabungen auch in Brandenburg, aber wir finden sie nicht mehr alle.

Für Baden-Württemberg habe ich 2014 113 erste Bundespreise gezählt –
wie viele schätzen sie für Brandenburg? – 9

Es gibt viel zu tun!
Beginnen wir mit der Zustimmung zur vorliegenden BE, auf der Basis des Musik- und Kunstschulgesetzes von 2014, um das uns andere Länder beneiden. Damit das so bleibt, müssen wir auch darüber von Zeit zu Zeit neu nachdenken, der Prüfauftrag dazu ist formuliert - ganz im Sinne der Volksinitiative „Musische Bildung jetzt.“