Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Für bürgernahe Politik, Wahrhaftigkeit und Vertrauen

Für die Zeitschrift Brandenburger, August 2014

Komm ein bisschen mit – zu blauen Seen  

Über romantische Alleenstraßen von Neuruppin nach Fehrbellin, Temnitz, Lindow und Rheinsberg 

Schon von weitem grüßt Parzival. Er ist aus Edelstahl, 17 m hoch, in den Händen hält er ein Windrad und eine Arche. Der Bildhauer Matthias Zágon Hohl-Stein hat ihn direkt an den Neuruppiner See gestellt – ein Zeichen des Aufbruchs aus der alten Garnisonsstadt des jungen Fritz und seiner soldatischen Nachfolger in eine moderne, schmucke Kreisstadt. Bei der Beschreibung der Fontanestadt vermischt sich romantisches Urlaubsgefühl mit Stolz auf florierende Wirtschaft – Holzverarbeitung, Papier, Naturstein, Recycling, Elektronik, Futtermittel, Ernährung…Nur wenige Städte haben sich so rasant verändert. Parzival hält seine Hände über den blauen See und die Zukunft der Stadt, eine Fontane-Uni für junge Ärzte an den Ruppiner Kliniken gehört dazu. Nach ihrer Ausbildung könnten sie medizinische Versorgung vor Ort leisten. In Fehrbellin oder im Amtsbereich Temnitz zum Beispiel. Eine schnelle Internetverbindung wird dort auch gebraucht. In Fehrbellin lassen sich Kraniche und Milchkühe bewundern, die Temnitzer müssen aufpassen, dass man sie vor lauter  Windmühlenflügeln noch findet. Was für Einheimische lebensnotwendig ist, registriert der Urlauber nebenbei. Er badet in einem blauen See und wundert sich auf dem Weg dahin über rumpelige Straßen und die schlechte Berlin-Anbindung. Aber schnell lässt er sich wieder einfangen von einer der schönsten touristischen Gegenden in Deutschland. „Lindow ist so reizend wie sein Name. Zwischen drei Seen wächst es auf und alte Linden nehmen es unter ihren Schatten". Fontane sah das so, Fontane hat Recht, Fontane geht in OPR immer! Lindow ist schon über 800 Jahre alt und präsentiert die ringsum schnellsten und kräftigsten Fußballer in seinem Sport- und Bildungszentrum. Das ganze Jahr über trainieren hier junge Menschen die verschiedensten Sportarten oder nutzen Bildungsangebote bis zur beruflichen Ausbildung. Wer in Lindow Urlaub machen will, kann fernab der Großstadt relaxen, die Seele baumeln lassen, gut essen, gesund werden und sich staatlich anerkannt erholen. Dazu spielt Kantorin Karin Baum in der Kirche Orgel, die Angler summen ihre eigenen Lieder und im rührigen Karnevalverein Groß Lindow geht es zur Abwechslung lustig und ein bisschen lauter zu. Das hätte Amelie gefallen, die sich in Jakob, einen armen Bauernburschen, verliebt hatte. Amelies Eltern gefiel diese Beziehung aber gar nicht. Die reichen Edelleute schickten ihre Tochter ins Kloster. Amelie wurde Nonne und dachte unentwegt an Jakob. Jakob dachte unentwegt an Amelie. Das ging so eine Weile bis Jakobs endlich etwas unternahm: nachts kratzte er den Mörtel aus den Fugen der Klostermauer, immer an derselben Stelle, bis sich Steine lösten. Und so floh eine verliebte Nonne mit ihrem Geliebten aus dem Lindower Kloster! Und natürlich sind sie nicht ertrunken, wie uns manche Sage weismachen will, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute. Geschichten erzählen Geschichte und so manche Liebesgeschichte aus Lindow ließe sich anfügen. Aber das tut man erst nach 800 Jahren öffentlich!

Es sei denn, ein Dichter wie Tucholsky schreibt „Ein Bilderbuch für Verliebte“ und meint Claire und Wölfchen in Rheinsberg. Oder er meint Anna und Tasdemir oder Nadja und Hayato in der Musikakademie am Grienerick-See. Sie proben und geben Konzerte für die Menschen in der Region und für ihre Gäste, rund 170 Konzerte im Jahr, international besetzt und gemessen an ihrer künstlerischen Qualität unbezahlbar. Das ist Musikalische Bildung pur. Das ist Wirtschaft, Tourismus, Standortstärkung, Bildung als Investition in die Zukunft. Auf der Rückfahrt kommt man wieder an Parzival am blauen Neuruppiner See vorbei, der über einen Satz von MP Dietmar Woidke nachdenkt: „Wir brauchen einen Sozialstaat, der in die Lebensperspektiven der Menschen investiert!“